Auszug [im Erscheinen: Transcript Verlag, 2018]

(Miss-)Verständnis Liebe - eine philosophische Begriffsanalyse

 »Wenige Leute würden sich verlieben,
wenn sie nicht davon gehört hätten.«

(François VI. de La Rochefoucauld)

 

Unzählige Werke in der Philosophie, Literatur, Kunst und Musik füllen sich über Epochen hinweg mit der Thematik der Liebe. Eine einheitliche Definition des Phänomens scheint daher allein an der Masse unterschiedlicher Beschreibungen zu scheitern; jede von ihnen ist aber durch kulturelle und zeitspezifische Bestimmungen ihrer Entstehung geprägt. Als Vorschlag zur Vermeidung von Missverständnissen wird im Rahmen des vorliegenden Promotionsprojektes eine Begriffsanalyse der Liebe unternommen. 

 „[Das] Konzept der Liebe [wird] aus den Beliebigkeiten des rein individuellen Erlebens herausgenommen und an sozialen Erwartungen festgemacht. […] Passioniertes Lieben wird zur Erwartung, auf die hin gelernt und erzogen wird, ein sozialer Typus, der schon aus Gründen hinreichender Verständigung nur begrenzte Modifikationen zulässt.“ (Niklas Luhmann)

 Eine rein sprachliche Analyse des Begriffs „Liebe“ zeigt, dass eine Vielzahl an Bedeutungen existiert. Die einzelnen semantischen Verwendungen werden im theoretischen Diskurs oftmals verwechselt oder nicht klar getrennt – Missverständnisse in der Praxis sind damit vorprogrammiert. Es gilt sechs Verwendungsweisen zu unterscheiden. Zunächst aber werden die historischen Einflüsse auf gesamtgesellschaftlicher Ebene betrachtet, um dann die subjektive Entwicklung des Liebesbegriffs einer einzelnen Person zu beschreiben.

 

I.                   LIEBE ALS SOZIOKULTURELLES PHÄNOMEN

Was wir heute für eine Vorstellung von Partnerschaften haben, nämlich die, dass die Liebe den Grund für das Eingehen einer Zweierbeziehung darstellt, ist kulturhistorisch betrachtet relativ neu: Jean-Jaques Rousseau startet 1761 in seinem Erfolgsroman Julie oder Die neue Heloise das Experiment – die Liebesehe, die im aufkommenden Humanismus in die Realität umgesetzt wird. Bis dato gibt es die Liebe im besten Fall als Resultat einer Ehe, welche für gewöhnlich von den Eltern vereinbart wird, um den Familienbesitz zu erhalten oder zu erweitern. Meist ist die voreheliche Liebe der Feind der elterlichen Autorität. Im Zeitalter der Aufklärung hingegen entwickelt sich der Anspruch, dass die Liebenden sich symbiotisch ergänzen und gegenseitig zu einer höheren Humanität verhelfen. Die wahre Liebe, unter welcher „die Begeisterung für die Vollkommenheit des Partners“[1] verstanden wird, wird zum Grund der Eheschliessung erklärt. Die Frau bringt in die Beziehung Naturnähe, Emotionalität und Sittlichkeit ein, womit sie sich selbst in ihrer dreifachen Befähigung als Gattin, Mutter und Hausfrau finden und ausleben kann. Der Mann, als rationaler Teil der beiden komplementären Pole, ist für den ausserhäuslichen Gelderwerb zur Unterhalt der Familie verantwortlich.[2]

Die Liebesbeziehung wird im 18. Jahrhundert somit zur ‚amour passion‘, zur Bindung aus Leidenschaft. In diesem Kontet stehen sinnliche Momente wie willenloses Ergriffensein und „krankheitsähnliche Besessenheit, Zufälligkeit der Begegnung und schicksalhafte Bestimmung füreinander, unerwartbares (und doch sehnlichst erwartetes) Wunder, Impulsivität und ewige Dauer, Zwanghaftigkeit und höchste Freiheit der Selbstverwirklichung“[3]. Die Liebesbeziehung wird zu einem privaten Raum und damit zu einem Rückzugsort. Sie bietet Geborgenheit und die Möglichkeit der Selbstentfaltung.

Seit Rousseau gibt es zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen und Freiheitsbewegungen. Im Grossen und Ganzen stimmt aber die damals entstandene Liebesdefinition noch immer mit unseren Vorstellungen überein. Wenn man Hollywoodfilme oder Liebesromane einer näheren Betrachtung unterzieht, folgen die Storylines einem nahezu einheitlichen Schema und streben eine einzigartige Herzensbindung an, die alles bisher Erlebte in den Schatten stellt.[4]

Heute wie damals gilt:

„Unsere Liebesmythologie lehrt, dass angesichts der Liebe alles andere verblasst. Die Identität der Person zeigt sich in der Wahl eines Liebespartners und dem Stehen zu dieser Wahl ungeachtet aller Widrigkeiten. Liebesbeziehungen, die sich über Sitte, familiäre Wünsche und Schichtgrenzen hinwegsetzen, machen damit gleichzeitig die Autonomie des Individuums geltend.“[5]

Verändert hingegen haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wo noch vor zwei Generationen die klar definierten Geschlechterrollen die Sphären von Arbeit und Privatleben dominierten, ist heute in dieser Hinsicht wenig Struktur und Ordnung zu finden.

„Plötzlich wird alles unsicher: die Form des Zusammenlebens, wer wo wie arbeitet, die Auffassung von Sexualität und Liebe und ihre Einbindung in Ehe und Familie; […] Es beginnt ein allgemeines Ringen und Experimentieren mit ‚Wiedervereinigungsformen‘ von Arbeit und Leben, Haus- und Erwerbsarbeit usw. Kurz gesagt: das Private wird politisch, und dies strahlt auf alle Bereiche aus.“ [6]

Durch die Auflösung der klaren Arbeitsgebiete von Frau und Mann, durch die Auflösung der Definitionen von „Frau“ und „Mann“, durch die Befreiung des weiblichen Geschlechts aus Küche und Kinderzimmer und die gleichzeitige (Ver-)Drängung der Männer dorthin, durch den Versuch einer absoluten Gendergleichstellung, ohne aber den Arbeitsmarkt strukturell zu verändern, verlagert sich der Konflikt von Fürsorge und Autonomie mehr und mehr in das Privatleben und somit in die Gestaltung der Liebesbeziehungen.[7] Arbeitswelt und Hausarbeit sind technisierter, aber ebenso zu verrichten, wie in jenen Zeiten, als eine klare Geschlechtertrennung die strukturelle Ausrichtung des Systems beinhaltet, eine Ungleichstellung von Männern und Frauen also vorausgesetzt hat. Da die Vorstellungen von Liebe und Beziehungen sich in den letzten zweihundert Jahren nicht massgeblich verändert haben, die strukturellen Bedingungen hingegen sehr, sind Konflikte vorprogrammiert.

 „Wir können nicht die neuen ‚runden‘ Menschen in die alten ‚eckigen‘ Schachteln der Vorgaben des Arbeitsmarktes, Beschäftigungssysteme, Städtebaus, sozialen Sicherungssystems usw. zwängen. Wenn dies versucht wird, darf sich niemand wundern, dass das private Verhältnis der Geschlechter zum Schauplatz für Auseinandersetzungen wird, die nur defizitär in den Zerreissproben des ‚Rollentauschs‘ oder der ‚Rollenmischform‘ von Männern und Frauen ‚gelöst‘ werden können.“ [8]

 

II.                DIE KENNZEICHEN UNSERER ZEIT

Da nun deutlich ist, dass die gesellschaftlichen Strukturen eine Auswirkung auf die Bildung von Liebe und Beziehungen haben, stellt sich die Frage, welche primären Einflüsse sich auf unsere derzeitige Gesellschaft bemerkbar machen. Im Folgenden wird der Fokus auf drei wesentliche Aspekte unserer Gesellschaft gelegt: das politische System, das Wirtschaftssystem, sowie die kulturellen Einflüsse[9]. Betrachten wir unsere aktuelle Gesellschaft, sind dies: Demokratie, Kapitalismus und stellvertretend für kulturelle Sitten und Gebräuche, die zu einer drastischen Umwandlung geführt haben: Cybermedien sowie die Psychologie.

2.1 Demokratie

Liebesbeziehungen bieten ein grosses Feld für die Ausübung und Festigung von Wertebegriffen und Verhandlungstaktiken. Beginnend bei der Eltern-Kind-Bindung, in welcher das Kind lernt, seine individuellen Vorstellungen zu erkennen und durchzusetzen, zieht sich diese Erfahrung von Erfolg und Scheitern durch freundschaftliche und autoritäre Beziehungen, bis hin zur eigenen Paarbeziehung. Erlebt eine Person in diesen interpersonellen Bindungen eine hohe Autonomie und Selbstbestimmung, so ist denkbar, dass sie diese Werte auch als Allgemeingut, sprich auf politischer Ebene einfordert. Ebenso ist denkbar, dass aus einer sehr rigiden, autoritär bestimmten Bindung ein Ausbruch erfolgt und deshalb die gegensätzlichen Werte von Freiheit und Gleichheit im grossen Masse erwünscht werden. Die Auswirkungen können unterschiedlicher Natur sein. Fest steht aber, dass die politische Grundeinstellung einer Person im privaten Rahmen gelernt, gefestigt und geprägt wird. Zum einen manifestieren sich die Werte und Normen, aber auch die Einstellung zu Kommunikation, Diskussion und Entscheidungsfreiheit in direkten personellen Beziehungen, finden dort praktische Anwendungen und übertragen sich dann auf eine abstraktere, politische Ebene.[10]

  „Die Herausbildung und zunehmende Verfestigung gemeinsamer Realitätsdefinitionen aus zunächst flüssigen und verhandelbaren Anfängen kann [in der Paarbeziehung] praktisch in Zeitraffer beobachtet werden.“[11]

Demokratische Praktiken und Abläufe prägen also wiederum die Gestaltung in Liebesbeziehungen. Verhandlungen, gleichberechtigte Diskussionen, Abstimmungen und Verträge sind Bestandteil moderner Partnerschaften.

2.2  Kapitalismus

Dass Liebe und Kapitalismus untrennbar miteinander verbunden sind, hat die Soziologin Eva Illouz in ihrer Abhandlung Der Konsum der Romantik dargestellt. Sie zeigt, dass Rituale in partnerschaftlichen Beziehungen sehr stark verknüpft sind mit dem Genuss von Luxusartikeln. Dies beginnt mit der Wahl des Weines im Restaurant beim ersten Date und zieht sich über den Kauf von Blumen, Geschenken, Kinokarten und Urlauben durch die Beziehung fort.[12] Die allgegenwärtige Kommerzialisierung ist unerbittlich in „die privatesten Nischen unseres zwischenmenschlichen und emotionalen Lebens eingedrungen [und somit hängen viele] der romantischen Praktiken direkt oder indirekt von Konsum ab und Konsumaktivitäten haben unsere romantischen Vorstellungen vollständig durchdrungen“[13].

 Die Erwartung an die Liebe ist, dass sie als Kontrast zur Arbeitswelt unterhaltsam, befriedigend und erholsam funktioniert.

 „Die konsumorientierte Liebe beruft sich auf Werte und Prinzipien, die in der gesamten abendländischen Geschichte ein emanzipatorisches Potential darstellten: Individualismus, Selbstverwirklichung, Bestärkung der persönlichen Qualitäten des Individuums und Gleichheit zwischen den Geschlechtern in der wechselseitigen Erfahrung von Vergnügen.“[14]

Die Praxis der kapitalistischen Handlungen im Liebeskontext schlagen sich auf das theoretische Verständnis der Liebe nieder. Die Liebe selbst wird zum Konsumgut, eine Einteilung in Kosten-Nutzen-Kalküle erfolgt ebenso wie eine Objektivierung des Partners. Je mehr der Wunsch der Liebe sich in einer zur Marktwirtschaft konträren Position manifestiert, desto mehr ist diese durch das System durchdrungen. Die Sehnsucht nach einkommensunabhängiger Anerkennung, nach Liebe fern ab von Berechnung und Kalkül, nach „unbezahlbaren Momenten“ ist hoch, gleichzeitig steigen aber auch die Konsumpraktiken innerhalb der Liebesbeziehungen und -beziehungsfindungen an. Die Konsequenz dieser Dynamik spiegelt sich beispielsweise im aktuell vorherrschenden Gesellschaftsbild der seriellen Monogamie wider – ein Partner, der nicht mehr „funktioniert“ wird ersetzt, nicht „repariert“.

 

2.3  Cyberkultur und Soziale Medien

Im kulturellen Bereich erscheint ein Phänomen als auszeichnend für die heutige Epoche: der Einzug des Internets sowie die damit verbundene Nutzung von entsprechenden Endgeräten und Sozialen Medien. Unser Alltag hat sich dadurch stark verändert. Telefonzellen, Autoatlanten, Auskunftszentralen, etc. sind aussterbende Relikte einer vergangenen Zeit. Sie sind überflüssig geworden in einer Welt der Smartphones, Navigationsgeräte und intelligenten Computersysteme.

 „Im Laufe der Evolution des Gesellschaftsystems nimmt die Komplexität der Gesellschaft und der für sie tragbaren Welt zu. Das verändert allmählich, zuweilen auch in abrupten Schüben, die Ausgangslage, in der die Kommunikationsmedien operieren. Jeder mitgeteilte Sinn wird zur Auswahl aus mehr anderen Möglichkeiten, alles Bestimmte gewinnt eine höhere Selektivität. Und entsprechend werden Kommunikationsmedien stärker beansprucht.“[15]

Diese Kommunikationsstrukturen schlagen sich auf die Partnersuche nieder. Durch das Medium Internet stehen dem User eine Vielzahl von Onlinedating-Portalen und Apps zur Verfügung, die eines gemeinsam haben: die Dimension wird erweitert, das Auswahlverfahren beschleunigt.

Die neuen Formen der Interaktion verändern nicht nur die Entstehung einer Beziehung, sondern auch deren Bestehen. Betrachtet man das Entstehen aktueller Liebesbeziehungen, so wird deutlich, dass diese anders verlaufen als vor der verbreiteten Nutzung des Internets. Die virtuelle Welt hält Einzug in die Beziehungen. Es spielt keine Rolle ob sich die Partner zum ersten Mal über einen speziellen Logarithmus bei Elitepartner oder bei Freunden auf einer Gartenparty begegnet sind: bevor es zur ersten Verabredung geht, werden im Netz Informationen über den anderen gesucht und somit ein Bild erstellt, das aus Fremdinformationen besteht; ein Bild, das der Kontrolle des anderen nur zu einem bestimmten Grad unterliegt.

Bestehende Liebesbeziehungen werden online inszeniert. Der Beziehungsstatus auf Facebook wird verändert „X ist jetzt in einer Beziehung mit Y.“, es gilt als Liebesbeweis sich aus Kontaktbörsen zu verabschieden und Datingapps zu löschen. Fotos von gemeinsamen Unternehmungen werden über Whatsapp und Instagram an den Kreis der Freunde und Follower weitergeleitet. Das Liebesglück ist ein Statussymbol, das zelebriert und geteilt wird. Was oberflächlich und leicht erscheint, dringt doch bis an die Substanz. Nach einer Trennung fällt es schwer, die Bilder und Nachrichten wieder aus dem Netz, aus der persönlichen Chronik zu entfernen, viele lassen sie bestehen.

  „Mit einem Klick schaltet man ein, mit einem Klick schaltet man aus. Mit einem Klick erstellt man ein Profil, mit einem Klick schliesst man die Seite. Mit einem Klick versendet man eine Mail, mit einem nicht ausgeführten Klick beantwortet man eine Antwort nicht. Das mit einer Maus ausgestattete Individuum denkt, es hätte seine sozialen Beziehungen auf diese Weise bestens unter Kontrolle. Es weiss nicht, dass es den Finger in ein Räderwerk gesteckt hat, aus dem es nicht ohne Blessuren herauskommen wird.“[16]

 Ein Beispiel, das mit besonders eindrücklicher Deutlichkeit zeigt, wie sich der Umgang mit der Liebe verändert hat, ist die Smartphone Applikationen Tinder. Hier werden dem Nutzer Profilbilder und Kurzinformationen von Personen präsentiert, die mit einem swipe nach links oder rechts gewischt werden, was ein Gefallen bestätigt oder negiert. Ergibt sich ein match, was bedeutet, dass beide Akteure sich gegenseitig für geeignet befunden haben, entsteht die Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Auch in der Realität wird oftmals innerhalb von Sekunden entschieden, ob eine Kommunikation entsteht, oder ob diese bei einem Blickkontakt belassen wird. Auf Tinder wird dies medial pointiert und zelebriert.

2.4  Psychologie

Eine weitere Komponente stellt die Affinität des modernen Menschen zu Therapien und der Ratgeberliteratur dar. Aufkommend in den 1950er Jahren in Managerkreisen in den USA wird die Leistungssteigerung anhand von Coachings heute auf alle Bereiche des Lebens übertragen. Es besteht das Angebot von Workshops, Fortbildungen und Kursen zu unterschiedlichsten Themen. Auch bezüglich der Partnersuche, Beziehungsgestaltung und Kindererziehung finden sich unzählige Bestseller und spezielle Beratungsinstitutionen.

Durch den Einfluss der Psychologie steigert sich die Sehnsucht nach Autonomie. Man will von nichts und niemandem determiniert sein, weder von gesellschaftlichen Werten und Normen, noch von der eigenen defizitären Kindheit. Gleichzeitig steigt damit die Verantwortlichkeit für das persönliche Glück. Und das wiederum prägt die Ansicht über Liebesbeziehungen.

 „Als die Autonomie zunehmend in den Mittelpunkt des von der Psychologie verfochtenen idealen Selbst rückte, kam die emotionale Verschmelzung in den Ruf, diese Autonomie zu gefährden. Sein Selbst mit dem eines anderen zu verschmelzen  oder sich jemand anderem zu unterwerfen, galt nun als Negation des eigenen grundlegenden Anspruchs auf Autonomie und damit als Anzeichen einer emotionalen Pathologie.“[17]

Durch die Pathologisierung von Liebesleid und Opferbereitschaft sinkt die Fähigkeit Dinge in der Liebe zu erdulden oder auszuhalten, die vor dem Einzug der Psychologie als normal und zur Liebe zugehörig galten. Beispiele aus der Literatur zeigen, dass Liebe und Leid noch vor ein paar Jahrhunderten viel selbstverständlicher als zusammengehörig verstanden und nicht pathologisiert wurden. So spricht Helena in Shakespears Sommernachtstraum zu Demetrius:

 „Ich bin Euer Hündchen, und wenn Ihr mich schlagt, ich muss Euch dennoch schmeicheln. Begegnet mir wie Eurem Hündchen nur, stosst, schlagt mich, achtet mich gering, verliert mich: Vergönnt mir nur, unwürdig, wie ich bin, Euch zu begleiten. Welchen schlechtern Platz kann ich mir wohl in Eurer Lieb erbitten (Und doch ein Platz von hohem Wert für mich), als dass Ihr so wie Euren Hund mich haltet?“[18]

Auch andere Beispiele der Literatur bis ins 19. Jahrhundert zeigen, dass Leid als eine Komponente einer Liebesbeziehung begriffen wurde, ohne welche die Liebe zu einer anderen Person nicht vollständig gewesen wäre und dieses Leid angenommen und erlebt wurde. Stellen wir uns Werther ohne Liebeskummer vor: Hätte er bereits beim ersten Zweifel einen Therapeuten aufgesucht, der mit ihm seine Kindheit und deren Auswirkungen auf sein Partnersuch- und Bindungsverhalten analysiert hätte, so wäre er vielleicht niemals in diesen emotional tiefen Zustand der persönlichen Verzweiflung ob seiner unerfüllten Liebe gekommen. Heute wird Leid vermieden, es wird versucht dies so klein wie möglich zu halten, es zu umgehen.

Durch den Einfluss der Psychologie auf unser Liebesleben können Liebesbeziehungen instabil werden. Wenn eine Beziehung nicht funktioniert, ist klar, dass es in der Verantwortung einer der Partner oder beider liegt, nicht in der Sache an sich.

  „Was eine Ehe zu einer gelungenen machte, war die Fähigkeit von Männern und Frauen, sich gegenseitig zu verstehen und an der Gegenwart des anderen zu erfreuen. Damit machten die Psychologen zugleich deutlich, dass die Individuen es nun selbst in der Hand hatten, ihre Ehe glücken zu lassen, womit zugleich die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern bei ihnen lag. Ein solches Eheverständnis vergrössert die Unsicherheit hinsichtlich der Regeln, die für das Verhalten in der Ehe gelten sollten.“[19]

Wie nun gezeigt wurde, hat sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahren und Jahrzehnten schnell entwickelt und verändert, wohingegen die Vorstellung von Liebe sich weniger progressiv verhält. Dies führt zu der These, dass wir an einem veralteten Ideal der Liebe festhalten, nämlich einer Form der romantischen Liebe, die bereits vor zweihundert Jahren das herrschende Paradigma der romantischen Liebe darstellte, und diese mit unseren modernen Werkzeugen zu gestalten versuchen. Wir kämpfen also mit Mitteln für einen Zweck, der diametral zu diesen steht.

Um die Auswirkungen dieses Dilemmas auf praktischer Ebene so gering, wie möglich zu halten, erscheint es umso bedeutungsvoller, zu verstehen, was gemeint ist, wenn von „Liebe“ gesprochen wird. In philosophischen Theorien und Abhandlungen wird das Phänomen „Liebe“ zumeist in eros, philia und agape unterschieden oder eine Einteilung in die Modelle der Vereinigung, Kurativen Sorge oder des Gefühls unternommen. Diese Theorien lassen sich jedoch nicht klar voneinander trennen. Es gibt Überschneidungen, Doppeldeutigkeiten und Missverständnisse. Um diese zu vermeiden, wird im Folgenden eine rein sprachliche Betrachtung der Semantik des Begriffs „Liebe“ vorgenommen.

III.             SEMANTISCHE BEDEUTUNGEN

Der Begriff „Liebe“ begegnet uns tagtäglich in den vielfältigsten Verwendungsweisen. In der Werbung ist er präsent, ebenso wie in Boulevardmedien und auch in der Alltagssprache. Dabei umfasst dieser Term die unterschiedlichsten Bedeutungen. Neben den unterschiedlichen Arten der Liebe (Vaterlandsliebe, Gottesliebe, Eltern-Kind-Liebe, Nächstenliebe, Objektliebe, etc.) existieren auch im Bereich der partnerschaftlichen Liebe verschiedene Bedeutungen. In der akademischen Literatur wird diese Liebe meist „romantische Liebe“ oder „personelle Liebe“ genannt. Doch wenn man die Liebe eines Paares begreifen möchte, fasst der erste Begriff zu wenig, da er nur auf die Anfangsphase des Verliebtseins, beziehungsweise die romantischen Komponenten einer Liebesbeziehung zu zielen scheint, der zweite hingegen zu viel, da andere Formen der Liebe zwischen Personen (Mutter-Kind-Liebe u.a.) nicht ausgeschlossen werden.[20] Im Folgenden wird deshalb dem Term „partnerschaftliche Liebe“, aus Ermangelung an Alternativen, die weniger ökonomisch klingen, der Vorzug gegeben. 

Sind sich die Liebenden nicht im Klaren darüber, was „Liebe“ für sie bedeutet und darüber hinaus nicht dazu in der Lage zu kommunizieren, was sie meinen, wenn sie „Liebe“ sagen, so ist eine fehlerhafte Kommunikation vorprogrammiert.

 „Es gehen unzählige Elemente in sie [die Liebe] ein, die ihren Ablauf so sehr verwickeln und verwirren, dass in ihnen meistens alles vorkommt ausser dem einen, was im eigentlichen Sinn Liebe genannt zu werden verdient. Eine psychologische Zergliederung der ‚Lieben‘ mit ihren kausalen Einzelheiten gäbe mancherlei Einblicke; aber wir könnten uns missverstehen, wenn wir nicht vorher untersuchten, was im strengen und reinen Sinn die Liebe ist.“[21]

Es können Missverständnisse der einfachen Art sein, die im Laufe der Zeit eine ungeahnte Komplexität und Dimension annehmen.

Ein Beispiel: Zwei Liebende, nennen wir sie Romeo und Julia, sagen sich ein erstes Mal, dass sie sich lieben. Romeo spricht es aus: „Ich liebe dich“ und meint damit, dass er gerne in Gesellschaft von Julia ist, seine Zeit mit ihr verbringen möchte, den Moment mit ihr geniesst und sie körperlich begehrt. Julia aber versteht unter „Liebe“ einen Pakt, der nicht mehr aufgelöst werden soll, der gilt, bis dass der Tod sie scheidet, der unersetzlich und einmalig ist. So sind die Verständnisse, Erwartungen und Intentionen hinter ein und derselben Aussage sehr unterschiedlich und führen mitunter zu Angst, Verletzungen, Streit, Zurückziehen, usw. Würde Romeo nun aber sagen „Ich liebe dich und das bedeutet für mich abc.“, so könnte Julia erwidern „Ich freue mich, dass du gerne deine Zeit mit mir verbringen möchtest. Für mich bedeutet Liebe hingegen xyz.“ und sie können sich entscheiden, ob sie sich dennoch auf den jeweils anderen mit seinen Vorstellungen und Wünschen einlassen möchte.

Im Folgenden werden nun die verschiedenen Verwendungsweisen des Terminus „Liebe“ dargestellt und klar gegeneinander abgegrenzt. Damit soll eine Basis geschaffen werden, um im weiteren Verlauf deutlich zu machen, von welcher Art der Liebe die Sprache ist, sowie Missverständnisse aufzudecken.

             „[…] wenn wir über eine Art praktisches oder anwendbares Liebesverständnis verfügten, könnte es immer noch sehr hilfreich sein, wenn wir dieses Wissen bewusst und gezielt einsetzen könnten: Es könnte dazu beitragen, dass wir auf dem richtigen Weg bleiben und unser praktisches Verständnis erweitern bzw. es auf eine solidere Grundlage stellen;“[22]

Eine der häufigsten Verwechslungen ist die der Liebe mit dem Begehren und dem Verliebtsein: „Ich habe mich unsterblich verliebt.“ (I.). Darüber hinaus wird „Liebe“ oftmals als ein reines Gefühl bzw. eine Emotion beschrieben (II.), welches den Liebenden ergreift, übermannt und unkontrollierbar steuert „Ich liebe dich.“. Auch die erotische Beziehung zwischen zwei Personen wird bisweilen als „Liebe“ tituliert: „Wir machen Liebe.“ (III.). Darüber hinaus kann mit der „Liebe“ aber auch eine einzelne Person (IV.) gemeint sein: „Du bist die Liebe meines Lebens.“ oder „meine erste grosse Liebe“ sind Konzepte, die an eine bestimmte Person gebunden sind, den Klang einer bestimmten Stimme und einen nicht ersetzbaren Geruch tragen. Aber die „Liebe“ kann noch mehr meinen: Sie kann über den personellen einen institutionellen Charakter tragen (V.): „Unsere Liebe ist unsterblich.“ Hier wird deutlich, dass es sich bei dieser Auffassung um einen Pakt zwischen zwei Liebenden handelt, um ein gemeinsames Projekt, um etwas, das mehr ist als Gefühl und Erotik. Jenseits all dieser Beschreibungen steht das allumfassende, fast schon religiös anmutende Verständnis von „Liebe“, das als Rettung, Lösung und Sinn allen Daseins begriffen wird. Bereits in der Popkultur wird es proklamiert: „All you need is love!“ Hier finden sich alle Komponenten der Semantik (I. – V.) wieder und bilden ein Konglomerat, das als Utopie über unserer Gesellschaft hängt (VI.).

3.1  Abgrenzung zur Verliebtheit – „I am in love“

 Im 19. Jahrhundert schreibt Marie-Henri Beyle (1783 – 1824) unter dem Pseudonym „Stendhal“ über die Liebe. Mit seinem Werk De l’Amour erweist er uns einen grossen Gefallen. Zum einen schenkt er einem Phänomen Aufmerksamkeit, das bisweilen in Schriften über die Liebe vernachlässigt wird: der Verliebtheit. Zum anderen zeigt er, wie nahe die Begriffe zusammenliegen und wie schnell es geschieht, dass ein Missverständnis entsteht.  „Liebe“ wird hier als „die Wonne, ein liebenswertes und uns selbst liebendes Wesen mit allen Sinnen und so innig als möglich zu betrachten, zu berühren, zu fühlen“[23] definiert. Dann beginnt zeitgleich ein Prozess, den Stendhal als die „erste Kristallisation“ benennt und in folgender Metapher beschreibt:

 „In den Salzburger Salzgruben wirft man in die Tiefe eines verlassenen Schachtes einen entblätterten Zweig; zwei oder drei Monate später zieht man ihn über und über mit funkelnden Kristallen bedeckt wieder heraus; […] man erkennt den einfältigen Zweig gar nicht wieder.“[24]

Im Stadium des Verliebens erfolgt laut Stendhal eine Kristallisation der Tätigkeit des Geistes, indem die geliebte Person mit strahlenden und funkelnden Eigenschaften überzogen wird, wie der Ast im Salzwerk. Schon kurz nach diesem Prozess erheben sich Zweifel am Erfolg des Unterfangens, die Gründe für die anfängliche Hoffnung werden hinterfragt. Versuche wieder zurück zu der ursprünglichen Gefühlswelt zu kommen, scheitern. Mit dieser Unsicherheit erscheint zeitgleich ein Verlangen nach der Erfüllung der Liebe, das sich stetig steigert.

Dieses Verlangen führt im Moment des Zweifels zu einer erneuten, „weitaus stärkeren“[25] Phase der Kristallisation, in welcher der Verliebte sich in einem Wechsel aus Zweifel und Überzeugung befindet. Der Verliebte wandelt „am Rande eines schrecklichen Abgrundes, während das vollkommene Glück greifbar vor [ihm] schwebt […]“[26]. Diese Phase sieht Stendhal als entscheidend zwischen den Möglichkeiten „geliebt zu werden oder sterben zu müssen“[27]. Hierbei wird deutlich, welche Rolle der Erwiderung der Gefühle, sowie deren Umsetzung in eine Partnerschaft oder zumindest in einen Dialog gleicher Erwartung zugeschrieben wird: der des „vollkommenen Glücks“. Die Liebe also wird als Erlösung angesehen, als Befreiung und Heilung, aber auch als unerreichbares Gut und da der Zustand der Verliebtheit fälschlicherweise ebenfalls als „Liebe“ bezeichnet wird, erhält sie die Charakteristika einer Krankheit, einer Manie, eines alles zerstörenden Übels. „Die Liebe gleicht einem Fieber; sie überfällt uns und schwindet, ohne dass der Wille im geringsten [sic!] beteiligt ist.“[28]

Es wird deutlich, dass die Einbildungskraft eine zentrale Rolle im Prozess des Verliebens spielt, ebenso wie auch die ernüchternde Feststellung, dass all die mentalen Prozesse kaum Bezug zur Realität haben, was zu dem grossen Gegenpol der Verliebtheit führt: zum Liebesleid, das in der modernen Psychologie sogar ein entsprechendes Krankheitsbild prägt: die Limerenz.

 

3.2  Liebe als Gefühl

Betrachtet man zunächst die erste Verwendungsweise: das sekundäre Substantiv, welches beispielsweise im Satz „Meine Liebe zu dir ist mir abhanden gekommen.“ verwendet wird, so handelt es sich um eine Substantivierung des Verbes „lieben“. Der Satz könnte auch synonym verwendet werden mit „Ich habe aufgehört dich zu lieben.“ Der Ursprung dieser grammatikalischen Form liegt also im Verb begründet. Was lässt sich über diese Bedeutung der Liebe sagen?

Mit der Verwendung der Verbform „lieben“ kann vieles gemeint sein. So kann man bedenkenlos sagen, dass man Personen, Gegenstände oder Eigenschaften liebt. Damit eine solche Aussage (rein formal) wahr ist, muss das Lieben nicht erwidert werden. Es geht zwar vom Objekt aus und zu diesem hin, kann aber durchaus einseitig erfolgen. Aufgrund dessen ist es auch nicht notwendig, dass das Objekt der Liebe in diesem Kontext eine Person darstellt. Synonym zu „lieben“ könnten Verben wie verehren/ respektieren/ achten/ wertschätzen/ begehren/ wollen/ bewundern/ brauchen/ etc. gesetzt werden. Intuitiv würde man behaupten, dass mit einer solchen Aussage ein bestimmtes Gefühl oder eine Haltung gemeint ist. Daher schliesst sich hier die Frage an, ob das Lieben einem mentalen Zustand zugeordnet werden kann.

Stellt man die Frage: „Warum liebst du sie?“, so wird sich die Antwort auf bestimmte Eigenschaften von jener Person beziehen, welche den Liebenden anziehen und das Objekt der Liebe in besonderer Weise auszeichnen. Es bedarf also bestimmter Charakteristika, die das Objekt der Liebe zu etwas Besonderem machen. Hier muss geklärt werden, welche Eigenschaften ein Objekt zufällig besitzt (extrinsisch) und welche Eigenschaften unmittelbar und untrennbar zu dessen Identität (intrinsisch) gehören.[29] Wichtig für die Liebe ist hierbei, dass sich die Wertungen in Bezug auf die jeweiligen Eigenschaften der beiden Liebenden nicht allzu sehr unterscheiden oder eine Person an dem Geliebten Eigenschaften schätzt, die der andere als zufällig und unwichtig erachtet oder gar nicht besitzt.

Die Verliebtheit lässt sich den Emotionen zuschreiben, denn sie ist zeitlich beschränkt, zufällig und intentional auf ein Objekt gerichtet. Körperliche Reaktionen können durchaus auftreten, Herzpochen, Schmetterlinge im Bauch und eine grundlegende Nervosität sind in der Verliebtheit an der Tagesordnung. Die Verliebtheit ist irrational und nicht steuerbar.[30] Bei der Liebe hingegen handelt es sich um einen dauerhaften Zustand, der reflektiert und intellektualisiert ist. Die Liebe lässt sich, im Gegensatz zur Verliebtheit, der man ohnmächtig erliegt, dem Willen unterziehen. Die Richtung der Liebe geht zum Geliebten hin (zentrifugal).[31] Man kann an dem Anfangspunkt einer Beziehung bewusst entscheiden ob man diesen Schritt wagen will: „Willst du mit mir gehen? Ja, nein, vielleicht.“. Und ebenso kann man die Beziehung willentlich festigen – „Willst du mich heiraten?“ – oder aus bestimmten Gründen beenden. Die Unterschiede zwischen diesem Verständnis von Liebe und der Verliebtheit liegen also zum einen in der besonderen Wahrnehmung des Objektes, zum anderen aber auch in der Auswahl wen man liebt.

Aufgrund der Erkenntnis, dass die Liebe im Gefühlskontext reflektierbar und gestaltbar ist, erscheint es als sinnvoll die Liebe als „Gefühlsaktivität“[32] zu bezeichnen. Dies lässt den Schluss zu, dass die Liebe ausbaufähig, entwickelbar, erlernbar ist. Ähnlich wie ein Schreiner, der sein Handwerk erlernen muss, handelt es sich auch bei der partnerschaftlichen Liebe um eine solche Fähigkeit, die erlernt, geübt und perfektioniert werden muss. Um die Fähigkeit der Liebe auszubauen, ist das Vorgehen mit jedem anderen Lernprozess vergleichbar. Der Schreiner muss zum einen über ein Wissen bezüglich der Materialien, der Verfahrensweisen und der Werkzeuge verfügen, zum anderen muss er dieses Wissen praktisch anwenden können. Erst wenn „die Ergebnisse [des] theoretischen Wissens und die Ergebnisse [der] praktischen Tätigkeit miteinander verschmelzen und [man] zur Intuition gelang[t]“ [33], kann eine Fähigkeit zu ihrer vollen Entfaltung kommen.

 

3.3  Erotik

Das (sexuelle) Begehren ist in vielen Abhandlungen über die Liebe ein wichtiger Bestandteil. Dennoch sind die Begriffe „Liebe“ und „Sexualität“ auch vollkommen unabhängig voneinander denkbar. Wie also ist der Zusammenhang von körperlicher Liebe und dem theoretischen Liebesmodell zu beschreiben? Hier schliesst sich die Frage an, ob das körperliche Begehren ein notwendiger Bestandteil der Verliebtheit und der Liebe ist. Fakt ist, dass die erotische Komponente ein Merkmal ist, welches partnerschaftliche Liebe von anderen Formen der Liebe oder einer sehr engen Freundschaft unterscheidbar macht. Daher besteht nicht selten die Ansicht, dass Sex oder zumindest das geistige Verlangen nach körperlicher Nähe als notwendiger Bestandteil der Liebe begriffen werden muss.

Sexualität kann als profane Metapher für den Wunsch nach Vereinigung angesehen werden, doch durch die Liebe wird das unreine, triebhafte, animalische Körperliche veredelt zu einer „reinen Unreinheit“ – der Vervollkommnung mit dem anderen. Diese ist also nicht beliebig, denn man findet nicht in der körperlichen Vereinigung, dem Orgasmus, die Befriedigung, sondern in der „Verschmelzung mit dem Geliebten“[34]. Die Begeisterung für eine andere Person – die unlösliche Einheit der Seele und des Körpers – wecken das Begehren. Das Objekt geht hier also dem Begehren voraus.[35] Biologische Faktoren wie die Reaktion auf bestimmte Reizschemata, Gerüche oder hormonelle Vorgänge werden hierfür als Basis zugrundegelegt.

Die Erotik lässt sich also bestenfalls als Bestandteil der partnerschaftlichen Liebe begreifen. Weder lässt sich eine Einflussnahme von der Sexualität eines Paares auf deren Liebesbeziehung abzeichnen, noch lassen sich die Begriffe synonym verwenden. Es erscheint daher als ausreichend, wenn die Sexualität bzw. das geistige Verlangen nach dem Geliebten mindestens einmal in der Liebesgeschichte eines Paares auftaucht, um diese Liebe von anderen Formen der Zuneigung abzugrenzen.

3.4  Liebe als personelle Instanz

In dieser Verwendungsweise, der des nomens concretum, ist ein bestimmtes Objekt gemeint –  eine Person, die nicht einfach ersetzt werden kann. Synonym könnten Aussagen wie „Du bist der tollste Mensch der Welt.“ oder „Du bist der/die Einzige für mich.“ verwendet werden. Die Verlobungsfrage „Willst du meine Frau/ mein Mann werden?“ zeigt noch deutlicher was gemeint ist: Möchtest du der eine Mensch für mich sein?

Eine Pluralbildung ist grundsätzlich möglich, zum einen durch eine temporäre Verschiebung (mehre Lieben in einer Biografie), die jedoch im jeweiligen Moment nur auf eine Person zutreffend. Man kann beispielsweise nicht frei von Ironie sagen „Frauen sind die Liebe meines Lebens.“, „Erna ist meine grosse Liebe, zuvor war es Hannelore.“ hingegen ist eine logisch kohärente Aussage. Doch auch eine Liebe abseits der Dyade ist natürlich denkbar. So liesse sich auch von zwei oder drei Partnern sagen „Ihr seid die Einzigen für mich.“ oder „Ihr beiden seid meine grosse Liebe.“. Doch hierbei müsste inhaltlich exakt definiert werden, was eine solche Aussage für die jeweiligen Adressaten zu bedeuten hätte und wie das Element der definiert sein müsste, um Gültigkeit zu erhalten. Es geht darum, dass man als Geliebter für den Liebenden durch den Kontext der Liebe zu etwas Besonderem wird.

 

3.5  Liebe als Institution

Diese Verwendungsform schliesslich meint keine konkrete, physisch existente Entität, sondern etwas Gleichbedeutendes wie Partnerschaft/ Beziehung/ Einheit/ Verbindung/ Ehe/ Gemeinschaft/ Zusammensein/ Wir/ etc.

Hier gibt es keine Pluralbildung. Diese Form der Liebe ist nur wechselseitig möglich. Es setzt also (im Gegensatz zu den beiden vorausgehenden Fällen) kein Ich als Autor voraus, sondern ein Wir. Die Wechselseitigkeit ist erforderlich, sonst entspräche die Aussage dem Fall, der Substantivierung von „lieben“ (II.). Die Bedeutung der Liebe als relationale, wechselseitige Bindung erfordert als Gegenüber eine Person. Während es in den ersten beiden Fällen denkbar wäre, dass auch ein Gegenstand oder Tier das Objekt der Liebe darstellen könnte, so ist es in diesem Fall durch die Wechselseitigkeit, welche Reflexions- und Artikulationsvermögen voraussetzt, nicht zu umgehen, von einer Person auszugehen.

Erfüllt sich nun dieses Kriterium der gleichen Wertigkeit, so ist noch nicht geklärt, warum man nicht einer anderen Person, welche die gleichen Eigenschaften innehat oder sogar bessere aufweist, den Vorzug geben sollte und warum andere Menschen „mein“ Liebesobjekt nicht ebenso lieben. Es wird deutlich, dass die gemeinsame Geschichte eines Paares ein entscheidendes Merkmal ihrer Liebesbeziehung ist. Der andere ist über die Zeit hinweg zu einem Teil der eigenen Biographie geworden.[36] Hier gilt es Kontinuität (continuity) und Beständigkeit (constancy) von Beziehungen zu unterscheiden, um ein adäquates Verständnis der Historizität zu schaffen.

 

3.6  Liebe als übergreifende Utopie

 „Love is all you need!“ – Aufgrund der Präsenz des Phänomens Liebe lässt sich annehmen, dass diese in unserer heutigen Zeit den Status einer Religion erhalten hat oder den Platz besetzt, von dem die Religion stetig schwindet. Es lassen sich einige Parallelen zwischen dem derzeitigen Umgang mit der Utopie der Liebe und der christlichen Religion der vergangenen Jahrhunderte ziehen. So gilt für die Liebe ein Erlösungs- oder Heilsversprechen allerdings im Diesseits („Mit dem nächsten Partner wird alles gut.“). Es besteht das System von Beichte und Absolution (die Individualität des Einzelnen wird durch den anderen in ganzer Form bejaht, auch mit den schlechten Seiten), bestimmt Rituale prägen den Alltag der Liebenden, die sich reziprok anbeten und vergöttern.

 „Religiöse Symbole und Rituale haben in der modernen Gesellschaft an Lebendigkeit und Relevanz für das tägliche Leben verloren, aber die Erfahrung der Liebe ist noch aktuell, und auch sie bietet wenigstens ansatzweise die Möglichkeit zur Erfahrung von Transzendenz. Ebenso wenig wie religiöse Erfahrung beherrscht die kulturell geformte Erfahrung der Liebe jeden Moment unseres Alltagslebens.“[37]

Die Liebe verspricht Gnade und es gibt zahlreiche Gebote, die zu befolgen sind, um eine erfüllte Liebe zu erhalten. Grundsätzlich lassen sich auch die christlichen zehn Gebote auf den Liebesglauben übertragen: Du sollst nicht lügen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, du sollst keine anderen „Götter“ haben. Der Geliebte steht im Zentrum, ist Gottheit und Priester zugleich, wird verehrt und angebetet und erteilt die Absolution im Sündenfall. Über diese Gebote hinaus bestehen weitere Regelwerke, Dating-Kodexe und normative Ratgeber, die festsetzen, wie man sich zu verhalten habe, um erfolgreich zu lieben und geliebt zu werden.[38]

Im Unterschied zum Universalitätsanspruch des Christentums oder anderer Weltreligionen erhält die Liebe einen privaten, individuellen Charakter. Es gibt keinen Kosmos, der die gesamte Weltordnung umgreift, sondern lediglich kleine Welten, die aus Ich und Du bestehen. Dazwischen gibt es „abgegriffene Symbole und Klischees (etwa rote Rosen) auch bei ansonsten kulturell anspruchsvollen und auf Originalität bedachten Personen“[39] – Kosenamen, Musikstücke, Andenken an die gemeinsam erlebte Geschichte – die zu einem erlebten Gemeinsamkeitsgefühl beitragen, ähnlich der religiösen Symbole mit dem Unterschied der Individualisierung. Damit erhält die „Religion der Liebe“ einen differenzierten Charakter. Ebenso ist sie nicht das einzige Phänomen, das in unserer Zeit Parallelen zu einer Religion zeigt. So können vergleichbare Darstellungen mit Konsumartikeln, Pornographie, Fussball, Karriere, Kindern, Selbstverwirklichung, u.a. erstellt werden. Die Liebe ist also eine von vielen Nachreligionen, die unsere heutige Zeit prägen.[40] Und doch bietet sie eine

 „[…] passgerechte Gegenideologie der Individualisierung. Sie betont die Einzigartigkeit, verspricht die Gemeinsamkeit der Einzigartigen, nicht durch Rückgriff auf ständische Überlieferungen, Geldbesitz, rechtliche Ansprüche, sondern kraft Wahrheit und Unmittelbarkeit des Gefühls, des individuellen Lebensglaubens und seiner jeweiligen Personifizierung. Die Instanzen der Liebe sind die vereinzelten Individuen, die nur kraft ihrer Begeisterung füreinander sich das Recht nehmen, ihr eigenes Recht zu schaffen.“[41]

 

                              LITERATUR

 


[1]              Rousseau, 1991, S. 407.   

[2]              Vgl. Wägenbauer, 1996, S. 30.

[3]              Vgl. Luhmann, 2008, S. 31.

[4]              Für eine ausführliche Darstellung der Entwicklung der Liebesvorstellung siehe: Kuhn, 1975.

[5]               Swindler, 2014 , S.369.

[6]              Beck/ Beck-Gernsheim, 1990, S. 42.

[7]              Ebd., S. 56.

[8]              Ebd., S. 43.

[9]              Vgl. Engelhard, 1999, S. 239.

[10]             Vgl. Giddens, Anthony1993, S. 211; Giddens, 2003, S. 81.

[11]             Kuchler, 2014, S. 27.

[12]             Vgl. Illouz, 2003, S. 65.

[13]             Ebd., S. 180.

[14]             Ebd., S. 187.

[15]             Luhmann, 2008,  S. 75.

[16]             Kaufmann, 2011,  S. 13.

[17]             Illouz, 2012,  S. 295.

[18]             Shakespeare, 1826, S. 368.

[19]             Illouz, 2011, S. 203.

[20]             Vgl. Krebs, 2015, S. 12f.

[21]             Ortega y Gasset, 1941, S. 262.

[22]             Wilson, 1995, S. 22.

[23]             Stendhal, 2007, S. 44.

[24]             Ebd., S. 45.

[25]             Ebd., S. 49.

[26]             Ebd., S. 48.

[27]             Ebd., S. 49.

[28]             Stendhal, 2007, S. 52.

[29]             Vgl. Wilson, 1995, S. 29.

[30]             Hier gibt es eine grosse Debatte um die neurobiologischen Ursachen der Verliebtheit. Da es an dieser Stelle aber nicht um die Entstehung der Liebe, bzw. des Verliebtseins geht, sondern darum, was die partnerschaftliche Liebe ist, und da diese in einer deutlichen Abgrenzung zur Verliebtheit steht, wird diese Diskussion aussen vorgelassen.

[31]             Vgl. Ortega y Gasset, 1941, S. 265.

[32]             Ortega y Gasset, 1941., S. 285. 

[33]             Fromm, 1995, S. 17.

[34]             Ortega y Gasset, 1941, S. 281.

[35]             Vgl. Ebd., S. 280f.

[36]             Vgl. Wilson, 1995, S. 33f.

[37]             Swindler, 2014, S. 365.

[38]             Vgl. Beck/ Beck-Gernsheim, 1990, S. 231ff.

[39]             Kuchler, 2014, S. 13.

[40]             Beck/ Beck-Gernsheim, 1990, S. 238f.

[41]             Ebd., S. 239